Der Regisseur Christoph Schlingensief ist tot: Vor zehn Jahren äußerte er sich in der ZEIT unter der Rubrik Mein Traum über das Geheimnis der Welt und über den Zweifel.
Vor einer Woche träumte ich, ich wäre ein Molekül. Ich besaß die dafür allgemein anerkannten Bestandteile: Atomkern, Ion, Proton. Also alles bestens. Doch dann spaltete ich meinen Atomkern, flog mit ungeheurem Gepolter auseinander und sah mich in Abermillionen Teilchen verstreut auf den Dächern einer Kirche - ich glaube, es war Notre Dame - liegen und hörte aus dem Innern eine Predigt, und den Priester fragen: War Jesus ein Schlappschwanz?
Eine uralte Frage, neu gestellt. Ganz schön fortschrittlich, dachte ich.
Genau für diese Frage war ich im Alter von 16 Jahren von einer glatten Eins auf eine Vier minus runtergerasselt. Jesus berühmter und meiner Meinung nach auch ehrlichster und befreiendster Satz: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? besaß genau diesen Nachhall, den alle guten Fragen gemein haben, weil man an deren Nachhall verzweifeln kann. Verzweifeln deshalb, weil man nicht verstehen kann, warum Dinge geschehen, die man nicht verdient: Also hereinbrechende Krankheiten, den Tod, miese Intrigen oder schlechtes Essen im Restaurant oder eine katastrophale Note in Religion. Das Ergebnis der Predigt? Offen.
Meine Sehnsucht nach der Einfachheit des Lebens, mir Fragen zu stellen und Antworten zu suchen, wird dadurch torpediert, dass ich weiß, dass eine geordnete Welt das Ende bedeuten würde. Denn sie hat ihr Geheimnis verloren.
Und dieses Geheimnis ist und war der Zweifel. Und gerade der ist in diesem Falle das Glück meines Traums.
Auf dem Dach einer Kirche zu verzweifeln ist nicht das Schlechteste, dachte ich. Dort unten ist der Zweifel inklusive. Ja, er ist sogar Bestandteil einer nach Lösung suchenden Einrichtung, die das Paradies als Ideal beschreibt und gleichzeitig den Zweifel, die Versuchung, als festen Bestandteil mitbeschreibt. So eine Art Wahrheit mit eingebautem Irrtum: das Paradies. Es musste scheitern, weil Gott damit ein Spiel erschuf, das uns heute von morgens bis abends beschäftigt: Fragen stellen und Antworten geben. Gott schuf den Menschen und fragte sich: Ist das nun gut oder ein fataler Irrtum?
Oder Gott schuf den Menschen und fragte sich gar nichts, weil er dieses Problem der Wahrheitssuche gar nicht kannte. Deshalb fragte sich eben der Mensch: Was bin ich? Ist das gut? Und hatte somit sein erstes Problem.
Nicht überliefert, aber folgerichtig könnte der alles entscheidende Dialog so ausgesehen haben: Adam fragte Eva, ob Äpfel wirklich gut für die Verdauung seien. Eva sagte: Ich kenne nichts Gegenteiliges. Adam isst den Apfel, und hatte endlich Verdauung. Doch schon nach kurzer Zeit fragte er sich wieder: Ist es gut oder schlecht, wenn man so lange keine Verdauung hat? Ihre Welt zerbrach, weil sie Gottes Glück in Frage stellten: aber scheitert man nicht oft an den trivialsten Fragen?
Auch als Molekül hat man die für Menschen typische Eigenschaft, sich selbst in Frage zu stellen. Ich träume also weiter und muss erleben, wie ich mich ständig wiederhole. Immer die Frage im Kern: Wie kann man sich ständig wiederholen, spalten, verschwinden und wieder erscheinen und trotzdem von Harmonie reden? Ich frage mich: Müssen die Moleküle meiner Filme und Theaterstücke nicht endlich mal zu einem Ende finden, das nicht nur ich verstehe? Und dann dies: Warum exekutieren sich meine Moleküle immer wieder selbst, um nach ihrer Spaltung wieder etwas Neues zu versuchen? Und warum hegt jedes dieser Moleküle den Zweifel, ob nicht alle Fragen und alle Antworten auf Sand gebaut sind?
Mein Traum entwickelt sich zur Qual und landet schließlich im Nirwana der Langeweile: Warum bin ich auf der Welt? Warum habe ich Angst davor, 40 zu werden? Warum verlangen Versuche immer nach einer Lösung? Ein Molekül hält an und schreit aus Leibeskäften: Warum-Fragen sind die Fragen, die einen vorzeitig vergreisen lassen, Alter! Lass mich mal machen. Ich bin bereit, auch wenn ich vielleicht nur die Vorhut bin. Aber, musst du so ein Chaot sein, Schlingensief? Kaum will ich antworten, da verschwindet das Molekül.
Eine Unverschämtheit, denke ich. Wie soll ich antworten, wenn selbst die Moleküle keine Zeit mehr haben? Wäre ich ein Zyniker, hätte ich Worte auf seine Frage. Doch ich bin hoch romantisch mit einem großen Hang zur Peinlichkeit. Wenn mich meine Freundin nicht mehr will, dann brauche ich Zeit, dann bitte ich um Geduld, verrenke mich und tue peinliche Dinge, weil mir das ehrlicher vorkommt als der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Ich kann die Frage nach der Einsamkeit nicht beantworten, weil ich der Antwort misstraue.
Warum ist es notwendig gewesen, auf die Erde zu kommen? Warum muss ich jetzt hier sein? Warum will ich ein Kind? Ich sehe ein Kind und denke: Mein lieber Mann, was hat dieses Kind noch für eine Scheiße vor sich? Was kommt da noch an Miet- und Bankverträgen aufs Kind zu? Wird es versuchen, seine AA-Wurst als Kunst zu verkaufen, oder eher einen Schreibtischjob machen und dort seinen Mist unters Volk bringen? Wie viele Leute wird dieses Kind später in seiner Fantasie umbringen oder vergewaltigen? Äußerst triviale Fragen, die nur dann konkret zu werden scheinen, wenn es um Ökonomie geht. Der Rest ist frei. Das ist Befreiung.
So kommt es auch, dass ich mich eher für den Täter als für das Opfer interessiere. Was treibt einen Menschen zu einer Tat? Welchen Einfluss hatten Mutter, Vater, seine Lehrer, Jesus und die Sterne? Natürlich ist ein Opfer bedauernswert. Allemal spannender ist aber der Täter, weil er zur Frage animiert: Ab wann ist man eigentlich ein Täter? Und weiter: Welche Fragen stellten Menschen, als es darum ging, Normen zu erfinden? Und an wen? Ich ahne: Sie fragten nur sich selbst, weil Selbstgespräche ungefährlich sind, auch wenn das nicht stimmt. Nichts ist schlimmer als ein Selbstgespräch, denn wer kann sich selber noch trauen? Jesu Frage an Gott war ein Selbstgespräch.
Zu meinem Traum gehört, dass ich mich im Alter von achtzig Jahren sehe und die Revolution der Jungen erlebe, die mir mit Revolvern gegenüber stehen und mich fragen: Was empfindest du bei deinem Siechtum, Schlingensief?
Die älteste Frage der Menschheit: Kann ich mein Leben künstlich verlängern?
Ein knallgelbes Banner am Horizont. Darauf steht: 150 Years for all. Wohin mit uns Greisen? Jetzt ist das letzte menschliche Gen entschlüsselt, und ich frage mich schon wieder: Sind Klone die besseren Menschen oder die größeren Idioten? Man will auf dem Mars Hotels bauen. Und auf die Frage, was die sicherste Aktie der Welt sei, sagen einem die Leute: Wie wäre es mit T-Online? Alles, aber auch wirklich alles, wird einem dargestellt, als sei diese Welt lösbar.
Was wäre aber - und das Wort aber erobert die Hoheit unter allen Wörtern in diesem Traum -, was wäre aber, wenn es nur scheinbar richtige Antworten gibt, die einem gegeben werden? Was wäre aber, wenn die Antworten nur eine glatt lackierte Oberfläche sind, auf der wir alle beruhigt surfen, während sich darunter das Unheimliche und somit das wirklich Interessante verbirgt: nämlich das Gegenteil von allem? Eine Art Instanz, die dafür sorgt, dass wir endlich ruhig schlafen können? Die uns mit einer Gewissheit füttert, die uns vorantreibt, immer weiter? Vielleicht ist es geplant, dass wir als Samen losmarschieren und auf halber Strecke erkennen müssen, dass wir auch nur die Vorhut für diese Instanz waren? Wer regiert die Welt? Wir oder das Gegenteil?
Wissenschaftler A, Fachmann B, Experte C - programmierte Aliens in menschlichem Gewand.
Ich sortiere mich und meine Moleküle, will runter von meinem Kirchendach, zurück nach Berlin, in meine schöne neue Wohnung. Ich wollte Glück. Doch was ich anfangs nicht wusste, ist heute Gewissheit: Unter meiner neuen Wohnung fährt eine U-Bahn, die alle Viertelstunde meine Wände zum Vibrieren bringt.
Autofahrer kann man anhalten - eine U-Bahn nicht. Das ist die Wahrheit des Alltags. Und das ist die Wirklichkeit, und die ist konkret. Aber alles Konkrete macht mich wahnsinnig. Ich wünsche den Leuten, die so glücklich konkret und lebensnah sind, also allen Aktionären, allen 18-Jährigen, die im Internet spielen, was ich auch sehr gerne mache, und allen Menschen, die für sich eine Lösung gefunden haben, eine U-Bahn-Linie unters Haus. Denn dann wissen sie, dass jedes Glück, stellt es sich einem auch noch so klar da, Zweifel bringt. Was fängt man damit an? Hinterfragt man es bis zur Zerstörung?
Jesus hat es vorgemacht, auch wenn ich kein vorbildlicher Christ mehr bin: Auch ich behaupte in meinem Traum, mein Vater ist wahrscheinlich auch mein Vergewaltiger gewesen. Was er aber nicht war, der würde nicht mal einer Fliege was zu leide tun. Er ist so harmoniebedürftig und stolz, ein Vater zu sein, dass das für ihn das Allerletzte wäre. Aber vielleicht gibt es in mir ein Bedürfnis, das mal zu vermuten. Denn dann wäre für mich viel mehr Klarheit da. Das ist zwar schizophren, aber ich glaube, in der Zerstörung von Klarheit liegt die wahre Klarheit. Fast zwanghaft muss ich das Weltbild von Vater und Sohn in Frage stellen, von Jesus und Gott. Was mir das bringt? Im Grunde zerstöre ich eine klare Familienbeziehung, also die Realität, um wiederum mit einer irrationalen Annahme dieser Realität auf den Grund zu gehen.
Eine kleine Aufmerksamkeit, da mit Christoph Schlingensief, am 21.08.2010 einer der bedeutensten Künstler unserer Zeit gestorben ist...